Wissen - Kalender

Der Gregorische und Masirische Kalender : Zum Jahresbeginn der Masiren

von M.Sroub

In Marokko werden vier Kalender verwendet :
Der Islamische Kalender ( Mondkalender )
Der Hebräische Kalender ( Mond- und Sonnenkalender )
Der Gregorische Kalender ( Sonnenkalender )
Der Masirisch-landwirtschaftliche Kalender ( Sonnenkalender )

 

Die nächsten Ausführungen besprechen nur die Entstehung und Bedeutung des Gregorischen und Masirisch-landwirtschaftlichen Kalenders.
Ein Kalender wird im allgemeinen nach astronomischen oder natürlichen Gesichtspunkten eingeteilt. In Ackerbaugesellschaften , wo das Wohl der Gemeinschaft von der zeitgerechten Aussaat und Ernte abhing, führten die Beobachtungen von Gestirnen und andere Phänomenen zur genauer Jahres-Berechnung. Die Jahreslänge und die Einteilung des Jahres nach agrarischen Phasen, die damals sehr wichtig waren , wurden ermittelt und festgelegt. Diese Einteilungen gehen mehr oder weniger auf kosmologischen oder mythologischen Vorstellungen zurück. Der Jahres- , Monats- Wochen- und Tagesrhythmus ist im Prinzip eine menschliche Erfindung, die Kulturabhängig ist. Warum hat die Woche 7 Tage und nicht 9 ? Es ist jedem klar , dass die Siebentage mit den Angaben der Bibel zu tun haben. Auch diese sog. biblische Einteilung ist nichts anderes als eine Übernahme einer alten vorchristlichen Vorstellung , die für religiöse und politische Zwecke instrumentalisiert wurde. Warum sagen wir " Sonntag "( Sonne ) und " Montag " ( Mond ) ? Die Siebentage haben mit den Namen der antiken Göttern zu tun und ihre Reihenfolge geht auf die Bewegung der 7 Planeten ( Sonne , Mond , Mars , Merkur , Jupiter, Venus und Saturn ) um die Erde zurück, die in den antiken Vorstellungen herrschten. Einige Sprachen haben die alten Namen beibehalten , andere haben neu Namen eingeführt, so z.B Der Name " Donnerstag ", der mit dem germanischen Gott " Donner " zu tun hat.Das antike Weltbild hat sich seitdem geändert aber die Woche ( als 7 Tage ) ist bis heute geblieben. Auch die Wirkung der Planeten und ihre Interpretation sowie ihre Verbindung mit Metallen ( Sonne = Gold ; Saturn = Blei usw.) oder mit Pflanzen , Tieren , Farben etc. haben sich geändert. Alle diese Interpretationen sind Kulturabhängig und waren Teil eines Weltbildes, das heute nicht mehr anerkannt ist.
Diese Vorstellungen haben vor allem in Europa die Jahres-Rechnung stark beeinflusst und bildeten die Grundlage für die Entwicklung des Kalenders.

 

Im Jahre 1582 hatte der Papst Gregor XIII den bis dahin gültige Julianische Kalender reformiert. Dieser alte Julianische Kalender wurde nach dem römischen Kaiser Julius Cäsar benannt und nach astronomischen Gesichtspunkten eingeteilt; dieser Kalender hatte 365 Tage und 12 Monate. Alle 4 Jahre ergab sich einen Schaltag+. Der 1. Januar wurde zwar als Jahresbeginn festgelegt, aber er wurde aber nicht überall verwendet und respektiert. Da der 1. Januar als Jahresbeginn gewählt wurde, musste der Frühlingsbeginn, d.h der Tag an dem die Nachtsstunden und Tagesstunden gleich sind, der 25 März sein. Im 11. Jh. wurde im Vorfeld vorausgerechnet , dass der Frühlingsbeginn am 21. und nicht 25. März fallen wird. Ein Treffen im Jahre 1078 der römischen Astronomen legte dann den 21.März als Frühlingsbeginn fest. Der Römische Herrscher Augustus ( 691-740 ) und seine Berater reformierten erneut diesen Julianischen Kalender und führten die bis heute gültige Einteilung des Jahres durch : 7 Monaten mit 31 Tage , 4 Monate mit 30 Tage , der Monate Februar mit 28 Tage im Normaljahr oder 29 im Schaltjahr ( 366 Tage ) .
Zur Zeit des Papstes Gregor XIII entstand eine zehntätige Verschiebung des Frühlings. Der Papst Gregor XIII reformierte erneut diesen Kalender und machte aus dem nachfolgenden Tag des 4.Oktober 1582 den 15. Oktober 1582 , somit wurden die 10 Tage überwunden.
Seit dem 15. Oktober 1582 existiert der Gregorische Kalender. Der Mönch Denys schlug vor, den Beginn des Gregorischen Kalenders mit der Geburt Jesus Christus in Verbindung zu bringen. Er schlug den 25. Dezember 753 als Geburtsdatum vor.Obwohl er sich verrechnet hatte, wurde sein Vorschlag in den katholischen Ländern akzeptiert . Seit dem 15.Okotber 1582 existiert dieser neue Kalender , dessen Verbindung mit der Geburt Jesus Christus aus politischen Gründen hergestellt wurde. Seitdem wurde die Welt in einer vorchristlichen oder nachchristlichen eingeteilt. In Russland wurde der Gregorische Kalender erst im Jahre 1918 eingeführt. Heute ist dieser Kalender weltweit verbreitet und unter dem Namen " christlicher Kalender " bekannt.

Das Masirisch-Landwirtschaftlische Kalender :

Da die Altenmasiren Zugang zu den alten Kultruren hatten und ihnen viele Traditionen bekannt waren , haben sie einige Traditionen angenommen und sie an ihre Kultur angepasst. Die Landwirtschaft war der einzige Lebensbereich, der alles bestimmte. Ich erinnere mich an dieser Stelle an die Aussage eines deutschen Historikers Theodor Mommsen , die mit unsrem Thema zu tun hat. Nordafrika sei damals der " Kornspeicher Roms " gewesen, so der Historiker.
Unsre Vorfahren kannten das Ägyptische und Julianische Kalender sehr gut . Viele Forscher sind der Meinung, dass der Masirisch-Landwirtschaftliche Kalender noch älter sei als der Julianische. Die Masiren hätten eigene Götternamen für die Landwirtschaftmonaten , die auf einige Götter der punischen Glaubenswelt hinweisten. Die alten Berber hatten ein anderes Weltbild , das viele Götter neben einander zuließ und alle haben neben einandr kooexistiert, ohne Haß oder Ausschluß. Aber nach dem Vizepräsidenten der marokkanischen Gesellschaft für Astronomie Jamal Eddine Abderrazik* , sei der alte Julianische Kalender erst unter König Juba II ( 729-786 ) aus politischen Gründen eingeführt . Dieser König sei sehr gut informiert gewesen über die Diskussionen bezüglich der Reform des Julianischen Kalenders und wollte diesen Kalender, nach dem er sich in allen Schichten etabliert hatte und mit lokalen Landwirtschaftphasen verbunden wurde, nicht mehr reformieren. Juba II , der mit Cleopatra Sélene, die Tochter der großen Cleopatra und Antoine, verheiratet war , hätte die Reformpläne des Kaisers Augustus gekannt, so Herr Abderrazik.
Die politische Entscheidung Jubas II wurde damals von Rom skeptisch hingenommen. Der Landwirtschaftskalender in Nordafrika wurde dann als " Calendae afri " ( Afrikanischer Kalender ) bezeichnet. Der Sohn und Nachfolger Jubas II , PTOLÈMÈE hätte den Beginn des Landwirtschaftsjahres gefeiert und seitdem verbreitete sich diese Tradition in Nordafrika, so der marokkanische Astronome Jamal Eddine Abderrazik. Der Frühlingsbeginn ist der 25.März genauso wie es der Julianische Kalender festlegte und ist bis heute so geblieben .
Dieser Kalender wird in Marokko entweder als Landwirtschaftkalender oder als Masirischer Kalender bezeichnet.
Der Beginn jedes Kalenders geht immer auf historische und/oder politische Ereignisse ( Jesus Christus Geburt , Mohammeds Auswanderung usw.) zurück und ist schlicht und einfach ein Menschenprodukt.
Da das Jahr 950. v.Ch aus der Sicht der Masiren als der Beginn ihrer Geschichte betrachten, hat man den Beginn des Kalenders mit diesem Datum in Verbindung gebracht. Im Jahre 950 v. Ch. gründete der Berber/Masire Sheshonq die 22. Ägyptische Dynastie, die von 950 v.Ch bis 730 v.Ch dauerte; es handelt sich insgesamt um 9 Könige , die libysche(berberische) Namen trugen. Nach dem Ägyptologen Schott Siegried hätten die Libyer ( Altenberber ) dieses Ereignis Wochenlang gefeiert. Eine Verbindung zwischen diesem Datum und dem Anfang des Gregorischen Kalenders unter Berücksichtung der Schalttage(1) ergibt das 14. Januar als Beginn dieses alten nordafrikanischen Kalenders. Nach Aussage des Herrn Jamal Eddine Abderrazik, sei der 14.Januar des Gregorischen( heutigen ) Kalenders der Jahresbeginn des Masirischen Jahres 2953 ( 01.01.950 v.Ch = 14.01.2003 ) . Am 12. und 13 Januar bereiten sich die Menschen zwar auf das neue Jahr vor, aber erst am 14.Januar beginnt " offiziell " der Masirisch-landwirtschaftliche Kalender. Dieser Beginn ist für eine Kultur, die Landwirtschaftlich geprägt ist , sehr wichtig. Heute wird dieser Beginn mit der Hoffnung auf ein gutes neues Jahr verbunden.
Der masirische Kalender besteht heute aus dem Assgwass ( Das Jahr ) , " Ayyur " ( Der Monat ) , " Imalass ( Die Woche ) und " Ass " ( Der Tag ). Die Landwirtschaftsmonate ( Imiren = Anebbu , Amwan , Tagerst , Tafsut ) sind auf dem Land sehr wichtig. Die Wochentage gehen auf ein Zahlensystem zurück : Ayanas = Der 1. Tag ( Montag ) , Asinas = Der 2. Tag ( Dienstag ) , Akras = Der 3. Tag ( Mittwoch ), Akwas = Der 4. Tag ( Donnerstag ) , Asimwas = Der 5. Tag ( Freitag ) , Asidyas = Der 6. Tag ( Samstag ) und Asamas = Der 7. Tag ( Sonntag ). Die Wochentage gehen nicht auf die antiken Götter zurück wie in einigen europäischen Sprachen , sondern auf die Zahlen 1 bis 7 .
In Marokko feiert man das Yennayer-Fest mit traditionellen Gerichten ( Ssekssu/ Kusskuss , Suppen ) je nach Region und es werden Musikfeste organisiert. Der marokkanische Staat betrachtet dieses Fest nicht als ein offizielles marokkanisches Fest , obwohl es bei allen Marokkanern ( Arabophone und Masirophone ) bekannt ist, weil es an vorislamische lokale Traditionen erinnert, die von den Masiren gepflegt werden . Das offizielle Marokko feiert nur den Beginn des Islamischen und des Gregorischen Kalenders; aber trotz all dem feiern viele Familien und masirische Organisationen " Das Yennayer-Fest " zwischen dem 12. und 14. Januar, sowohl in den Städten als auch auf dem Land.
Es gibt zwei zentrale Begriffe , die wichtig und mit diesem Sonnenkalender engverbunden sind : Yennayer oder îd n yennayer ( Das Yennayer oder die Yennayer Nacht).

Als kleiner Jung ersehnte ich den Yennayer-Abend immer mit großer Spannung und freute mich auf die Glücksbringer , die meine Mutter im Kusskuss versteckte. Vor dem Essen dürfte ich mich auf eine einzigartigen Gymnastik und Massage freuen : Ghezzif ghezzif a Tasa (2)-nu , zund lli yeghezzif ussegwass-nnegh ( Werde groß und lang , mein Herz , werde so groß und so lang wie unsrer Jahr ! ) Meine Mutter dehnte meine Beine und Arme so sanft aus, dass ich das Gefühl hatte, ich hätte an der Stelle der Beine und Arme nun Flügel bekommen ; während sie meine Beine und Arme massierte , wiederholte sie den Spruch mit ihrer sanften Stimme : Werde groß und lang , wie unsrer Jahr , mein Herz ! Für mich war Yennayer mit zwei Sachen verbunden : die Glücksbringer im Kusskuss und die kostenlose Massage und Gymnastik meiner Mutter.

Es wäre sehr schade , wenn so eine Tradition verloren gehen würde , die auf Spuren einer alten nordafrikanischen Zivilisation hinweist. Das Masirische Jahr 2953 kann nur für jene verblüffend und ungewöhnlich sein , die nur vom eigenen kulturellen Hintergrund ausgehend alles verstehen und alles daran anknüpfen wollen/können. Für Interkulturelle Menschen ist die Periodisierung in Form von Jahres- , Monats- , Wochen- und Tagesbeginn nur etwas Kulturelles und ein von Menschen gemachtes Zeitsystem.


(1) Schalttag ist ein zusätzlich eingeschalteter Tag, wenn wir ein Schaltjahr ( 366 Tage ) haben.
(2) Tasa bedeutet eigentlich Leber. Die Leber ist bei den Masiren das Zentrum der starken Gefühle und nicht das Herz. Das Herz ist zwar ein wichtiges Organ für das Leben, aber nicht für die starken Gefühle. Ein gefühlsloser Mann wird mit " Wartasa " bezeichnet ( Ein Mann ohne Leber ) oder man sagt : tasa-nes teqqur ( Seine Leber ist hart !)
 
Literatur:
•Le calendrier amazigh , bon a connaitre . Par Jamal Eddine Abderrazik (Vizepräsident der marokkanischen Gesellschaft für Astronomie ). In : L´ Economiste , Edition Electronique du 7.5.2002
•Schott , Siegfried. Die Vertreibung der Libyer und der Ursprung der Ägyptischen Kultur. In : Paideuma. Bd.4 1950 S. 139-148
•Wimmer , Franz . Interkulturelle Philosophie. Geschichte und Theorie. Band 1. Wien 1990 Passagen Verlag.
•Der Spiegel ( Ende Dezember 2002 ) : Die Erfindung Gottes

von Mohand Sroub

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